Wissensvermittlung und Stärkung des Selbstbewusstseins Gehörloser…

… sind die Grundlagen der Arbeit des Kommunikationsforums Augsburg

Wie Sie vielleicht wissen, sind Gehörlose um Sprache zu verstehen auf visuelle Wahrnehmung angewiesen. Während Laute in Lautsprache erzeugt werden (auf dem akustisch-auditiven Kanal), werden die Gebärden mit Hilfe der Sprachinstrumente wie z.B. Hände, des Gesichts und der Kopf- und Körperhaltung bzw. Nutzung des Gebärdenraums gebildet (dem manuell-visuellen Kanal). Rein lautsprachliche Kommunikation kann für Gehörlose leicht zur Barriere werden, zumal die deutsche Laut- und Schriftsprache nur eine Zweitsprache Gehörloser ist und sie leicht zu Missverständnissen führt. Die Basissprache Gehörloser ist Gebärdensprache.

 

Das Informationsdefizit bei den Gehörlosen in Deutschland hat verschiedene Ursachen:

  1. Die Teilnahme am Gespräch bei einem geselligen Beisammensein, Familienfesten oder mit den Arbeitskollegen, wo kein Gebärdenspracheinsatz kommt ist für einen Gehörlosen so gut wie unmöglich. Er sieht nur noch die schnellen Lippenbewegungen der Lautsprachbenutzer und steht damit außerhalb – er gehört nicht dazu. Auf diese Weise „schießen“ viele Informationen an ihm vorbei und er wird schnell zum Außenseiter.
  2. Das Verstehen mittels Mundabsehen verlangt seine gesamte Aufmerksamkeit, ein hohes Maß an Konzentration und Kraft. Hier ist Kombinations- und Interpretationsfähigkeit gefordert und es kann leicht zu Missverständnissen und unfreiwilligen Lacherfolgen des Gegenübers führen.
  3. Gehörlose Kinder haben auch leider heute noch (wie auch in vergangenen Zeiten) Probleme mit der Schriftsprache. Durch zu wenig Gebärdenspracheinsatz an den Schulen ist dies für die Kinder sehr schwer zu erlernen und aus diesem Grund ist das Sprachniveau noch relativ gering. Bilingualer Unterricht (in beiden Sprachen, der Lautsprache und der Gebärdensprache) lässt Kinder an Schulen, die diese Konzepte verfolgen, mit großen Schritten nach vorne kommen und so kann diesen gehörlosen Kindern eine enorme Wissensvermittlung zu Gute kommen und sie profitieren von der Gebärdensprache für beide Sprachkulturen!
  4. Der Zugang zu den informationsreichen Sendungen im Fernsehen werden durch wenig Untertitel und kaum Dolmetschereinblendungen massiv beeinträchtigt, während die Hörenden sehr viele Möglichkeiten haben, wichtige Geschehnisse sofort zu erfahren wie zum Beispiel über Radio, Gespräche mit Kollegen oder Nachbarn.
  5. Die Untertitel für Gehörlose im Fernsehen wurden wegen der Schriftsprachprobleme verkürzt und vereinfacht. Außerdem wurden die Schimpfwörter oder Redewendungen einfach weggelassen. So wird das den Bedürfnissen Gehörloser, die sich weiterbilden oder mehr informiert sein wollen, nicht gerecht.
  6. Auch Gehörlose haben Interesse an Kultur und Bildung, jedoch ist dieser Bereich fast unzugänglich, verfügen doch nur ganz wenige Bildungssituationen über Dolmetschereinsätze, um den Gehörlosen die Teilnahme zu ermöglichen.

Daher bietet unser Kommunikationsforum (Abk. KoFo) Abhilfe zum Abbau der Defizite, indem wir verschiedenste und aktuelle Vortragsthemen mit Möglichkeiten zum Erfahrungsaustausch veranstalten. Bei unseren Abenden sind zwei GebärdensprachdolmetscherInnen anwesend, um die Gleichberechtigung bei den hörenden und gehörlosen Besuchern sicherstellen zu können. Unser KoFo veranstaltet vier bis sechs Informations- und Bildungsabende für Gehörlose im Jahr. Allerdings sind wir zurzeit auf Grund gestrichener Zuschüsse finanziell sehr eingeschränkt und können (da wir das Geld für die Dolmetschereinsätze nicht selber aufbringen können) momentan nicht alle Abende mit Dolmetschern besetzen.

 

 KoFo am 07.12.2006: Amerikanische Gehörlosenkultur mit Tanja Bierschneider

 

 Unsere Prioritäten bei unseren Bildungs- und Informationsabenden sind:

  • Abbau der Informationsdefizite
  • Entwicklung der eigenen Identitätsbildung
  • Stärkung des Selbstbewusstseins Gehörloser
  • Aufklärung über ihre Rechte
  • Förderung eigener Meinungsbildung und Teilnahme an Diskussionen
  • Pflege der Gehörlosenkultur
  • Erfahrungsaustausch zwischen und innerhalb Gebärdensprach- und Lautsprachbenutzern
  • Bemühung um eine möglichst kommunikativ reibungsfreie Integration zwischen beiden Welten mittels Gebärdensprachdolmetscher